Trauer - allgemein & bei aktuellem Anlass
Oft müssen wir erst den Verlust eines lieben Menschen erleben, bevor wir der Trauer in uns gewahr werden ...
Wir alle kennen irgendeine Trauer, die wir ergründen können - wir sind traurig, weil wir uns unvollkommen fühlen, weil unsere Wünsche nicht in Erfüllung gehen, weil wir unser Gesicht oder buchstäblich unsere „Fassade“ verloren haben, weil wir voller Verzweiflung den Sand der Unbeständigkeit durch unsere Hände rinnen sehen.
Es kann der Tod von Freunden sein.
Für ein Kind kann es der Tod eines Haustiers sein.
Es kann die Trennung von guten Freunden und die Wiederkehr alter Schmerzen sein.
Es können all die Augenblicke sein, in denen wir uns ungeliebt fühlen.
Es kann der Gedanke an die Millionen sein, welche unter jenen leiden, die ihre Macht missbrauchen.
Es kann der alternde Körper sein.
Es kann Lebensüberdruss, Kampfesmüdigkeit, Verlust an Liebe sein - all dies hat das Herz mit einer erstarrenden Kruste umgeben.
Es sind unsere ganz normalen Sorgen, unsere unerledigten Geschäfte, unsere täglichen kleinen Tode.
Oft müssen wir erst den Verlust eines lieben Menschen erleben, bevor wir der Trauer gewahr werden, die schon immer in uns vorhanden war.
Und gerade in der tiefen Wehmut über einen solchen Tod erkennen wir, dass uns die Trauer durchaus nicht fremd ist.
Wir haben die normale Trauer unseres Alltags bekämpft und sie scheinbar unterworfen - in Wirklichkeit jedoch nur verdrängt.
Wir haben es gelernt, sie zu überspielen. Und das heißt: „Wenn ich nicht allzu viel empfinde, fühle ich auch keinen allzu großen Schmerz.“ Wir nehmen einen Tauschhandel vor, der uns bitter macht.
Wenn uns jedoch ein Verlust getroffen hat, dem wir einfach nicht ausweichen können - wenn es unsere Eltern sind, die gestorben sind, unser Ehepartner, unser Liebespartner oder unser eigenes Kind, und wenn es unser eigener Körper ist der von Krankheit bedroht wird - dann können wir das Leid, das wir schon so lange in uns getragen haben, nicht mehr ignorieren.
Wir können den lebenslangen Schmerz nicht mehr unterdrücken.
Wir erleben die Gefühle der Isolation, des Zweifels oder der Furcht, die uns oft veranlasst haben, uns aus dem Leben zurückzuziehen und auf scheinbar sicherem Territorium Zuflucht zu suchen, plötzlich in ihrer ganzen quälenden Wirklichkeit.
Kürzlich fragte mich jemand: „Muss ich mich denn von allem Zorn befreien, bevor ich meiner Trauer auf den Grund gehen kann?“
Der Zorn ist unsere Trauer, und solange wir ihn nicht anerkennen und erforschen, fällt es uns schwer, die Gefühle zu ergründen, die dahinterstehen.
Manche von uns werden erst dann in der Lage sein, die Zustände und Stimmungen ihrer Trauer wahrzunehmen, wenn sie ergründet haben, inwiefern sie gegen die verstorbene Person irgendeinen Groll gehegt haben.
Unerforschter Zorn kann uns von den tieferen Ebenen unserer Trauer ebenso trennen, wie er uns immer von den tieferen Wesenszügen der Person isoliert hat, um die wir nun trauern.
Das Gefühl keine Trauer zu empfinden, keine Verbindung zu ihr zu haben, macht eigentlich schon die Trauer selbst aus.
Es ist jenes Gefühl der Abgrenzung von uns selbst und den anderen, auf welches der Begriff „Trauer“ voll und ganz zutrifft.
Die Anerkennung jenes lange angestauten Kummers ist die erste Stufe, wenn wir in unserer Trauer Heilung finden wollen.
Wir können die Realität dieser so lange unterdrückten Gefühle nicht mehr leugnen, und wie bei jeder Heilung ist Anerkennung der erste Schritt.
Wir können nichts loslassen, was wir nicht vorher akzeptiert haben.
(Buchauszug aus "Geleitete Meditationen" von Stephen Levine)